Es gibt einen Moment, den ich in Trainings immer wieder erlebe. Teilnehmer*innen bereiten sich auf eine mündliche Prüfung, eine Präsentation oder ein Bewerbungsgespräch vor. Irgendwann kommt der Punkt, an dem ich einen Vorschlag mache, der zunächst fast immer Skepsis auslöst.
„Nimm dich doch einmal mit dem Handy auf.“
Für einen kurzen Moment wird es meistens still. Dann folgen Sätze wie:
„Das möchte ich eigentlich gar nicht sehen.“
„Ich mag meine Stimme nicht.“
„Ich sehe bestimmt total unsicher aus.“
Und ehrlich gesagt kann ich diese Reaktion gut verstehen. Wer hört sich schon gerne seine eigene Sprachnachricht an, ohne sich zu denken: „Klinge ich wirklich so?“
Oder schaut sich ein Video von sich selbst an und ist sofort zufrieden? Die meisten von uns entdecken zuerst genau das, was nicht perfekt ist. Die Hände bewegen sich zu viel. Die Stimme klingt ungewohnt. Ein Wort hätte man anders formulieren können. Ein Blick wirkt zu unsicher.
Interessanterweise passiert genau das fast ausschließlich bei uns selbst. Wenn wir dieselbe Aufnahme einer anderen Person ansehen, beurteilen wir sie meist viel wohlwollender. Wir achten darauf, ob die Person sympathisch wirkt, verständlich spricht und authentisch ist. Kleine Unsicherheiten nehmen wir oft gar nicht wahr.
Warum also messen wir bei uns selbst mit einem ganz anderen Maßstab? Die Psychologin Kristin Neff, die seit vielen Jahren zum Thema Selbstmitgefühl forscht, beschreibt genau dieses Phänomen. Viele Menschen gehen mit sich selbst deutlich härter ins Gericht als mit anderen. Gleichzeitig zeigen ihre Studien, dass ein freundlicherer Umgang mit den eigenen Fehlern nicht dazu führt, nachlässiger zu werden. Im Gegenteil: Wer sich selbst mit mehr Verständnis begegnet, entwickelt oft mehr Mut, Neues auszuprobieren und aus Fehlern zu lernen.
Vielleicht liegt genau darin eine wichtige Erkenntnis. Wir sehen uns selbst nie nur so, wie andere uns sehen. Wir kennen jeden Zweifel, jeden Versprecher und jede Unsicherheit. Unser Gegenüber kennt all das nicht. Es erlebt nur den Moment.
Deshalb sage ich meinen Teilnehmer*innen oft einen Satz, der sie zunächst überrascht:
„Wenn du dir deine Aufnahme ansiehst und zu etwa 50 Prozent zufrieden bist, dann passt sie wahrscheinlich schon sehr gut.“
Nicht, weil Perfektion unwichtig wäre. Sondern weil wir selbst unsere strengsten Kritiker sind. Während wir jedes kleine Detail analysieren, nimmt unser Gegenüber vor allem wahr, ob wir authentisch, freundlich und glaubwürdig wirken.
Das gilt übrigens nicht nur für Prüfungen oder Bewerbungsgespräche. Es gilt genauso für Meetings, Präsentationen oder ganz normale Gespräche im Alltag. Vielleicht würden wir uns vieles leichter machen, wenn wir mit uns selbst genauso sprechen würden wie mit einer guten Freundin oder einem guten Freund.
Denn Entwicklung beginnt selten damit, perfekt zu sein. Sie beginnt oft damit, den eigenen inneren Kritiker etwas leiser werden zu lassen.